Brief 3

Ich möchte Sie ganz herzlich grüßen und wünsche allen einen frohen und hoffnungsvollen Frauentag. Ich bin eine Frau, verheiratet und habe drei Kinder. Ich gehöre zu den Tausenden von verfolgten Frauen, die aus der Türkei fliehen mussten. Was viele Frauen und ich in der Türkei und in Deutschland erlebt haben, möchte ich an dieser Stelle mitteilen. Es ist jedoch unmöglich, meine intensiven Gefühle zu Papier zu bringen. Lassen Sie mich mit dem Tag beginnen, an dem mein Leben auf den Kopf gestellt wurde.  Mein Mann war am 15. Juni 2016, dem Tag, an dem der Putschversuch stattfand, nicht in der Türkei. 15 Tage danach informierten uns unsere Nachbarn, dass die Polizei unsere Wohnung stürmte, als meine Kinder und ich nicht zu Hause waren, indem sie die Tür aufbrachen. Sie durchsuchten meinen Mann mit Terrorvorwürfen im Zusammenhang mit dem Putschversuch, während der er außer Landes war. Mein Mann konnte nicht zurück in die Türkei kommen. Das türkische Justizsystem war jedoch so barbarisch, dass sie, wenn sie keine Verdächtigen finden konnten, deren Familienmitglieder verhafteten.

Auch ich wurde inhaftiert und saß 10 Monate lang im Gefängnis, ohne dass eine Anklage vorlag. Ich wurde Zeuge miserabler Bedingungen im Gefängnis. 25 Frauen waren in einer Zelle für 15 untergebracht. Die Zelle war voller Frauen mit Kindern, die Lehrerinnen, Ärztinnen und Anwältinnen waren, und alle waren mit Terroranklagen konfrontiert. Die physischen Bedingungen des Gefängnisses waren schrecklich, und viele Frauen schliefen auf dem Boden, da es nicht genug Betten gab. Der Boden war kalt und nass, da Regen von der Decke tropfte. 3 Frauen schliefen auf Betten für zwei und es gab ein Baby, das ein Jahr lang auf Etagenbett aus Metall, das nicht fürs Baby geeignet, schlafen musste.

Die Bedingungen waren so hart für jeden Menschen. Fast alle Frauen waren depressiv und nahmen Antidepressiva, aber ihre Medikamente wurden nicht regelmäßig verabreicht, was zu häufigen Nervenzusammenbrüchen führte.  Sie waren mit Terrorvorwürfen konfrontiert, die fälschlicherweise darauf basierten, dass sie ein Sparkonto bei einer Bank hatten, ihre Kinder auf Privatschulen schickten und an Privatschulen unterrichteten. Eine Lehrerin wurde später in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, blieb dort 20 Tage lang und wurde dann wieder ins Gefängnis geschickt. Sie konnte ihre Kinder ein Jahr lang nicht sehen. Eine Richterin war in der Zelle neben uns in Einzelhaft untergebracht.

Wir konnten uns gegenseitig hören, und sie erzählte mir, dass sie Petitionen schickte und fragte, warum sie in Einzelhaft gehalten wurde, obwohl sie ein medizinisches Gutachten hatte, das besagte, dass sie nicht allein bleiben konnte. Es gab dort Frauen, die über 2 Jahre ohne Anklage im Gefängnis saßen, da es kein Verbrechen gab. Nach 10 Monaten wurde ich auf Bewährung entlassen. 

Sie fragten immer nach meinem Mann. Ich hatte das Gefühl, dass ich auf der Anklagebank saß, aber eigentlich haben sie meinen Mann vor Gericht gestellt und verstanden, dass ich wieder verhaftet würde, wenn mein Mann nicht kommen würde. Ich hatte zwei Möglichkeiten: Ich musste aus der Türkei fliehen oder in den Knast gehen. Die Entscheidung war nicht leicht. Meine beiden Söhne studierten in der Türkei. Am Ende verließ ich sie und floh mit meinem jüngsten Sohn. Ich floh nach Griechenland und blieb dort für 3 Monate. Danach ging ich nach Deutschland, wo mein Mann lebte. Jetzt bin ich seit 2 Jahren in Deutschland, und mein Mann ist seit 4 Jahren hier. Seitdem haben wir unsere 2 Kinder in der Türkei nicht mehr gesehen.

Am Anfang habe ich gezögert, nach Deutschland zu kommen, da ich nicht wusste, was mich erwartet. Aber ich bin immer menschlich behandelt worden. Ich habe auch die Wertschätzung der Frauen und die wahre Gleichberechtigung der Geschlechter erlebt. Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle bei den Menschen in Deutschland und dem deutschen Staat für die Unterstützung von Menschen, die in ihrer Heimat verfolgt wurden, bedanken.

Frau H.C.

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